KOH SAMUI
Zersucht - Verfunden

                                 Auszug aus :
“Alternativer Heimreiseführer”

                                 © Andy Wisch

Koh Samui

     Dieser Artikel ist als zusätzliche Verunsicherung
     all jener gedacht, die trotz Bedenken und Abraten
     der daheimgebliebenen Freunde und Bekannten die
     abenteuerliche und höchst riskante Reise in
     diesen entlegenen Winkel des süd-ost-asiatischen
     Kontinents gewagt haben. Da dieser Text für die
     Überlebenden der Expedition durch die Verkehrs-
     staus und die chemische Keule des Smogs der
     Bangkoker Betonwüste gedacht ist, brauchen wir
     uns mit den hinter ihnen liegenden Gefahren jetzt
     nicht zu beschäftigen, sondern können gleich mit
     den nicht zu unterschätzenden Risiken fortfahren,
     die sie auf diesem unwirtlichen Eiland, weit
     entfernt jeglicher Zivilisation, erwartet.

    

    Kokosnüsse

     Es handelt sich hierbei um gemeingefährliche
     Objekte. In grauer Vorzeit wurden sie von hier
     ansässigen Piraten nach Verknappung der
     Kanonenkugeln durch Genversuche gezüchtet. Noch
     Heute gibt es zahlreiche nicht entschärfte
     Explosivnüsse, die ahnungslosen Besuchern heim-
     tückisch durch die Behausungsdächer, oder beim
     Wandern durch die Natur einen bleibenden Eindruck
     hinterlassen können. Mittlerweile wurde ausser-
     halb besonders gesicherter Gebiete eine all-
     gemeine Helmpflicht eingeführt.

    

     Fortbewegung

     Der umweltfreundlichen und pflegeleichten
     Transportmöglichkeit durch Ausflugselefanten, die
     sich hauptsächlich von Gras ernährten, wurde
     schon vor vielen Jahren ein vorzeitiges Ende
     bereitet. Die ersten Langzeittouristen,
     vorwiegend Hippies, rauchten entweder die
     begrenzten Nahrungsreserven der Dickhäuter, oder
     benutzten es zum Ausstopfen ihrer Matratzen, um
     ein bequemeres Nachtlager zu schaffen. Dies hatte
     zur Folge, daß die Elefanten nach wenigen Jahren
     wieder von der Insel verschwanden. Doch
     inzwischen hat der nicht immer gewollte Fort-
     schritt der Technik auch hier begrenzt Einzug
     gehalten, und es stehen 2-und 4-rädrige motor-
     betriebene Fahrzeuge zur Verfügung. Man sollte
     die einmal gewählte Fahrbahnseite beibehalten und
     auch hier die Helmpflicht beachten. Allerdings
     ist auch dies kein sicherer Schutz vor anders-
     gearteten Verkehrsteilnehmern. Fahrunkundige,
     oder Leute, die auf ihre Frisur achten müssen,
     sollten es vorziehen, eines der öffentlichen
     überdachten Taxis zu benutzen.

    

     Unterhaltung

     Wenn man erst einmal gelernt hat, durch das
     gewählte Transportmittel sicher die schier
     endlosen Distanzen auf dieser Insel zu über-
     brücken, gelangt man in eine neue Dimension der
     Gefahr, die auch seelische Langzeitschäden mit
     sich bringen kann:

     Die Welt der Unterhaltung.

     Diese Welt unterteilt sich, wie in Asien
     allgemein üblich, in zwei Teilwelten. Der weniger
     riskante Teil spielt sich vor Einbruch der
     Dunkelheit ab, während nach Sonnenuntergang die
     ungezügelte Vergnügungssucht die Oberhand
     gewinnt.Um den chronologischen Ablauf richtig
     wiederzugeben, beginnen wir am Morgen, dessen
     Uhrzeit jedoch vom relativen persönlichen
     Schlafrythmus abhängig ist. Generell läßt sich
     sagen, daß der erste Unterhaltungseffekt des
     Tages bereits unmittelbar nach Beendigung der
     vorhergehenden Ruhephase, sprich beim Erwachen,
     eintritt.--War es real, oder nur ein Traum?--
     Nachdem man sich diese Frage je nach Höhe des
     vorhergegangenen Alkoholgenusses mehr oder
     weniger zufriedenstellend beantwortet hat,
     beginnt der aktive Erlebnisurlaub bereits bei der
     Wiederherstellung der Körperhygiene, sprich bei
     der Morgentoilette. Je nach Qualitätskategorie
     der Behausung, in die man sich bereits während
     der Anreise von einem orts- und menschenkundigen
     Führer hineinempfehlen hat lassen, empfängt den
     noch immer gedankenversunkenen Expeditions-
     teilnehmer beim Betreten der Nasszelle bereits
     ein ausgeklügeltes Fitnessprogramm.
     Körperentschlackung in der Hockstellung,
     Simmulieren einer Duschbrause mittels
     beidhändiger Benutzung einer Plastikschüssel
     nennen sich einige der Übungen. Bei Fort-
     geschrittenen werden Kürübungen wie Rasieren ohne
     Spiegel angeboten. Setzen wir einfach einmal
     voraus, daß dieser Parcours ohne bleibende
     körperliche Schäden absolviert wurde, und
     behandeln wir einen sehr wichtigen anderen
     Abschnitt, der dazu noch einem weiteren körper-
     lichen Bedürfnis dient, der Nahrungsaufnahme.

    

     Frühstück

     Für einige Expeditionsteilnehmer kann diese
     Mahlzeit, je nach Veranlagung oder ärztlichem
     Rat, zur einzigen Energiezuführung des Tages in
     fester Form werden. Ausserdem gibt diese Zeit der
     Besinnung im Kreise anderer Teilnehmer die
     Möglichkeit zur Klärung eventueller Gedächtnis-
     lücken in Bezug auf den Ablauf der voraus-
     gegangenen Nacht. Tips zur Gestaltung der
     weiteren Excursionen zur Erforschung der letzten
     Geheimnisse dieses Paradieses können ausgetauscht
     werden und geben eine wertvolle Hilfe bei der
     Aufstellung des heutigen Tagespensums. Falls nach
     europäischem Rechtsempfinden der Blutgehalt im
     zirkulierenden Alkoholkreislauf zu gering seien
     sollte, sei es empfohlen, die folgenden Stunden
     im näheren Umkreis der Behausung zu verbringen
     und sich allenfalls duch eine traditionelle
     Massage am Strand oder gemässigten Wassersport zu
     beschäftigen. Auf jeden Fall sollte man beachten,
     in alkoholisiertem Zustand das Lager, in dem man
     Herberge gefunden hat, nur in Begleitung zu
     verlassen. Das Risiko, die Orientierung zu
     verlieren und sich zu verirren, ist sehr groß.
     Falls jedoch noch Energiereserven vorhanden sein
     sollten, die das Urteilsvermögen aufrecht-
     erhalten, kann sich der Forscherdrang während der
     auch recht schönen Tagesstunden austoben. Da es
     der Redaktion bis heute nicht möglich war, alle
     Sehenswürdigkeiten dieser Insel zu beurteilen,
     wird in dieser Beziehung auf die gängigen Karten
     und Reiseführer verwiesen. Das Essen allgemein
     nimmt einen hohen Stellenwert in der hiesigen
     Kultur ein, wenn nicht die Lieblingsbeschäftigung
     überhaupt und sollte auch von Besuchern eine
     gewisse Bedeutung beigemessen bekommen. Und wie
     so vieles Andere sind auch europäische Mägen
     nicht mit den asiatischen Gegenstücken zu
     vergleichen. Doch mittlerweile haben sich einige
     westliche Pioniere gefunden, die den eventuell
     unberechenbar gewordenen Verdauungsprozess durch
     Probleme mit dem hiesigen Nahrungsangebot wieder
     in gewohnte Schranken weisen. Daher ist es nicht
     mehr unbedingt erforderlich, durch ungewollte
     Pfannkuchen -oder Spiegelei- Diäten das Überleben
     zu sichern. Viele Verunsicherte sind immer noch
     der Meinung: das Bisschen, was man isst, kann man
     auch trinken. Fuer einen Kurzzeitteilnehmer mag
     dies vielleicht auch mit einem gewissen
     Entspannungseffekt verbunden sein, jedoch als
     Philosophie ist davor zu warnen. Jedem sei
     empfohlen, das einheimische Angebot in jeder
     Beziehung erst einmal zu versuchen, bevor man auf
     das Altbekannte zurückgreift. Eine Gefahr, die
     auch die beste Planung und Vorbereitung zunichte
     machen kann, stellt das Wetter dar. Die
     unberechenbaren Naturgewalten lassen sich weder
     durch Studieren der Wettervorhersagen, noch durch
     Konsultation  der letzten wenigen hiesigen
     Bauern, mit ihren oft hilfreichen Weisheiten,
     durchschauen. Allerdings bewahrheitet sich die
     Regel: Wenn einer nachts an eine Palme pi.....,
     ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es
     ist. Diejenigen, die hieraus die richtigen
     Schlüsse ziehen, erhalten mit dieser wichtigen
     Erkenntnis gleichzeitig eine Vorahnung  der
     Lebensphilosophie vieler Eingeborener. Das
     Akzeptieren meteorologischer Gegebenheiten ist
     ein Schritt hin zum Buddhismus. “Ist mal Regen
     oder Sturm, wen kümmerts, keinen Regenwurm. Nur
     Sonnenschein am grossen Teich, die Farbe braun,
     das Hirn ganz weich”. Daher ist es ratsam, unter
     starker Sonneneinstrahlung immer eine Kopf-
     bedeckung zu verwenden. Dadurch ergibt sich eine
     weitere Differenzierung des Tagesablaufes. Die
     während einer hypothetischen Schlechtwetter-
     periode zur Verfügung stehenden Zerstreuung-
     skomponenten verhalten sich linear zu den
     animatorischen Fähigkeiten der Lagerleitung, oder
     geben Gelegenheit zur Meditation und zum
     Überdenken des bisherigen Expeditionsverlaufes.
     Eine aktive Bewältigung dieser eventuell
     kritischen Phase der Untätigkeit könnte in der
     Veranstaltung eines Mensch- ärgere- Dich- nicht-
     Wettbewerbes liegen, es stehen jedoch noch andere
     Möglichkeiten zur Verfügung. Diese variieren im
     Extremfall zwischen einer exessiven Marathon-
     videovorführung und einem 1-wöchigen Selbst-
     findungslehrgang in einem buddhistischen Kloster.

    

     Vom Lebertran zum (nach) Thai-Wahn

     Um dem Ganzen einen dramaturgisch mitreißenderen
     Touch zu geben, konzentrieren wir uns jetzt
     lieber wieder auf die grundliegende Problematik ,
     die den Aufenthalt unter diesen kräfte- und
     nervenzehrenden Konditionen möglich oder
     unmöglich macht:

     Das Überleben.

     Mit zunehmender Dauer und Intensität der
     Verfolgung des Expeditionszieles wird ein
     gewisser Gewöhnungsprozess eintreten, der die
     Aufmerksamkeit eventuellen Risiken und Gefahren
     gegenüber auf ein Minimum zu beschränken versucht
     ist. In vielen bisherigen Publikationen zu diesem
     Thema wurde auf den möglichen Zusammenhang mit
     der hier noch weit verbreiteten schwarzen Magie
     hingewiesen, jedoch gibt es ebenfalls Hinweise,
     die in Richtung der Wirkung des einheimischen
     Reiswhiskys deuten. In höheren Dosen über einen
     längeren Zeitraum konsumiert, werden ihm
     ebenfalls magische Kräfte zugeschrieben. Es gibt
     sogar gewisse, ursprünglich von Einheimischen
     praktizierte Rituale, die sehr schnell von den
     Expeditionsteilnehmern adaptiert werden. Dazu
     zählen zum Beispiel der REGGAE-drinking contest,
     sowie der, vor allem an der Big Buddha Beach
     verbreitete ZWANGSEIMER. Womit wir bereits wieder
     in den Dämmerungsstunden des Tagesablaufes wären,
     die einem in der Folge einen Einblick in die
     magische Welt des siamesischen Lächelns geben :

    

     Das Nachtleben.

     Dieses Kapitel sollte von glücklichen
     Familienvätern, und allen, die in der Heimat
     einen Kredit wegen des neuen Wagens laufen haben,
     ausgelassen werden. Wer daheim als Stubenhocker
     oder Mauerblümchen bezeichnet wird, hat hier die
     Möglichkeit, von einem Stuhl aus die Welt zu
     beherrschen, vom Barstuhl. Einem Thron gleich,
     inmitten der Ritter der Tafelrunde, läßt man sich
     von den dunkelbraunen Augen der thailändischen
     (mehr oder weniger) Weiblichkeit mit einem
     unbeschreiblichen Lächeln in eine andere
     Dimension hineinzaubern. Wenn dann auch noch das
     magische Mekhong-Feuerwasser seine Wirkung zeigt,
     werden einem durch Sirenenzauber, gleich den
     verführerischen Sinnestäuschungen in der
     altgriechischen Mythologie, denen selbst Odysseus
     nur mit Mühe widerstand, die Möglichkeit der
     logischen Wahrnehmung permanent zu trüben
     versucht. Ungeahnte Fähigkeiten und Kräfte treten
     zutage, die dem Ego wie Balsam schmeicheln. Eine
     Traumwelt öffnet seine Tore , die einen bis zum
     ernüchternden " Bitte zahlen " in seinem Bann
     hält. Wer dann noch in der Lage ist, mit
     gönnerischer Miene die Silberlinge auf die Platte
     zu bringen, erhält die Demutsbeweise, die einem
     wahren Herrscher von seinen willigen Untertanen
     entgegengebracht werden. Und dieser Respekt wird
     allen Würdenträgern, egal ob weiblich oder
     männlich, in gleicher Manier erwiesen. Historisch
     läßt sich ersehen, daß  die Thais, bis fast in
     die heutige Zeit, durch zuvorkommende
     Höflichkeit, sowie durch taktisch - diplomatische
     Schachzüge, jeglichem ausländischen
     Missionierungs- und Kolonialisierungsbestreben
     erfolgreich widerstanden haben. Diese Eigen-
     schaften scheinen den Thais bereits im Erbgut
     mitgegeben zu sein, was sie unabhängig von
     genossener Bildung und sozialem Status zu
     Meistern des problemvermeidenden Zusammenlebens
     macht. Dieses sollte keinesfalls als Devotismus
     verstanden werden, sondern wird durch ein,
     zumindest als gesundes Ego zu bezeichnendes
     Selbstwertgefühl zur Schau gestellt. Für Unthais,
     gemeinhin als Farangs bezeichnet, kann es
     gelegendlich zu Mißverständnissen der hiesigen
     Regeln und Wertvorstellungen führen, was in
     Eheschließungen oder geschäftlichen Investitionen
     enden kann. Um diesem Risiko erfolgreich
     entgegenzutreten, gibt es keine Patentlösungen,
     sondern es ist dem jeweiligen Erfahrungsdrang des
     einzelnen Expeditionsmitglieds überlassen, die
     individuelle Gefährdungsebene zu bestimmen.
     Sollte der Vorrat an mitgebrachten Glasperlen als
     Zahlungsmittel ausreichend sein, ist man unter
     Umständen in der Lage, eine Karriere bis hin zum
     Vizekönig zu absolvieren, was geschichtlich durch
     den griechischen Schiffsjungen Falcon im
     17.Jahrhundert ,der in englischen Diensten nach
     Siam kam und es durch geschicktes Ausnutzen
     thailändischer Protektoren bis zur Position eines
     Kanzlers brachte, belegt wird. Die Person des
     Königs ist allerdings unantastbar, da es jemandem
     überlassen bleiben muß,die Geschicke dieses
     Landes zu leiten, der kompetent die Lebensweise
     dieses scheinbar unbegreiflichen Volkes in den
     richtigen Bahnen zu halten bemüht ist. Wie
     schwierig dieses Vorhaben zu verwirklichen ist,
     zeigt sich tagtäglich und auch nachtnächtlich in
     den Anstrengungen verantwortungsbewußter und
     realitätsbezogener Thais, oder sonstiger
     Vorgesetzter und Zuständiger, den sehr
     ausgeprägten Spiel- und Vergnügungsdrang in eine
     produktive Richtung zu lenken.Uns, kurz- oder
     länger-fristigen Besuchern in diesem auf das Hier
     und Jetzt ausgelegten Mikrokosmos, fällt es
     nicht leicht, in unserem zukunfts- und profit-
     orientierten Westlerdenken den Ausschaltknopf zu
     drücken, der es uns ermöglichen würde, mit
     unserem, allseits erwarteten, Finanzpolster die
     absolute Entspannung zu erfahren. Die Redaktion
     bittet hiermit um Entschuldigung für die
     gelegentlichen sarkastischen Ausbrüche des
     Verfassers.Aber nichts desto Trotz gehört es mit
     zu den schönsten Gefühlen, die man mit den
     momentan legalen Drogen erreichen kann.

 

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